Künstler*innen

Clemens Behr

Mittlere Katastrophe: Der Künstler hat am Neumarkt eine raumgreifende Installation mit Baumarktprodukten geschaffen, die üblicherweise im Innenraum Verwendung finden. Als Reaktion auf die Umbrüche am Neumarkt hat er durch die Materialwahl die Verhältnisse umgekehrt. Im Ausstellungsraum greift er dagegen ausschließlich Baumaterial auf, das üblicherweise bei Außeninstallationen verwendet wird. Die Anordnung der Elemente, die dekonstruktivistische Bauweise und Materialkombinationen wirken wie ein konstruktivistischer Verkehrsunfall -eine alltägliche humoristische Katastrophe.

Stella Geppert
Augenblicksverknüpfung

Landvermesser und Landvermesserinnen, auch Geodäten genannt, stellen sich der Aufgabe, die Erdfigur in ihrer Größe und Form zu bestimmen. Stella Geppert nutzte am Neumarkt Osnabrück die Technik der Landvermessung, um den Ort in seiner Vielschichtigkeit zu erfassen. Jeweils vier bis sechs Performerinnen und Performer loteten den Neumarkt aus und orientierten sich dabei an verschiedenen Fragestellungen: Wo liegen die Grenzen der Kommunikation? Wie wirken zwischenmenschliche Kontaktaufnahmen in der Nähe und in der Ferne? Wie lange dauert es, bis sich Blicke einander finden? Wie verhalten sich soziale Räume zum großen Ganzen – dem Erdkörper? Die Künstlerin untersuchte in einer mehrstufigen choreografischen Vermessungsperformance die emotionalen Zwischenräume zwischen entfernt liegenden menschlichen Messpunkten. Am Ende lief alles an einem Punkt zusammen, dem „Punkt der emotionalen Dichte“.

Das Ergebnis der Feldforschung:

Welche Stadt kann schon von sich behaupten, über einen Punkt der emotionalen Dichte zu verfügen? Die Berliner Künstlerin Stella Geppert hat für Osnabrück diesen zentralen Ort in einer dreitägigen künstlerischen Feldforschung ermittelt und mit Hilfe einer staatlich geprüften Geodätin ein bleibendes Zeichen inmitten der Baustelle Neumarkt performativ gesetzt. Kunst und Naturwissenschaft gingen in einem komplexen Vermessungsprozess eine Symbiose ein, an deren Ende ein Zeichen entwickelt wurde, das soziale und physikalische Messpunkte in sich vereinigt.

Mit freundlicher Unterstützung

 

Jakob&Manila
Wonderful World

„Brillen, Brillen!Gebt uns Brillen! Grün und blau und gelb und rot! Volles Licht ist für Pupillen Unsrer Art der sichre Tod.“
Christian Morgenstern

„Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün—und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzu tut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr— und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich—“

Heinrich von Kleist (Brief vom 22. März 1801 an Wilhelmine von Zeige).

Jakob & Manila 2018
Wonderful World
Filmcollage, 4:30 Min

In einer achtstündigen partizipativen Intervention am Osnabrücker Neumarkt wurden Passanten aufgefordert, den Ort durch eine rosafarbene Brille zu sichten. Der Perspektivwechsel durchs „Neu Sehen“ löste bei einigen eine sensiblere Wahrnehmung der Gegend aus, bei anderen wurden Szenen aus der Erinnerung wach sowie eine Verschmelzungen von Realität und Traumvorstellung hervorgerufen. Die Filmcollage entstand unter der Vorgabe dieser teils spontanen Bildbeschreibungen, wobei nicht erkennbar wird, welche Szenen inszeniert und welche dokumentarisch angefertigt sind.

Nach den Bildvorlagen von:

Azim Becker, Damir Dzananovit, Damir Dzananovit jr., Sigrid Ferneschild, Heike Höcherl, Zenel Ibraimi, Birgit Kannengießer, Elina Laas, Beate Lechler, Katja Markova, Alissa Mewes, Anja Mewes, Dennis Paul, Jaqueline Wagenleitner Dolores, Elena, Franz-Joseph, Frida, Ibrahim, Henning, Hussein, Ilse, Jan, Janosch, Jaqueline, Judith, Katharina, Lissi, Martin, Michael, PiaTabea, Roland, Tale, Valerié, Yüksel

Katerina Kuznetcowa & Alexander Edisherov
Reassemble

Reassemble
Bauzäune, Farbbänder

Das weißrussisch-georgische Künstlerpaar Katerina Kuznetcowa und Alexander Edisherov aus Köln hat Farben und Symbolik der Stadt Osnabrück in ein Webmuster einfließen lassen: An sechs Tagen haben beide in drei Bauzäunen ein komplexes Farbraster eingewoben. Während ihrer Arbeit wurden sie von zahlreichen Passantinnen und Passanten angesprochen. Das Künstlerpaar verbindet mit dem geometrischen Muster im Absperrgitter eine Symbolik, die die „verschlüsselte“ Problematik des Neumarktes andeutet: Zwei verschiedene Hälften, die durch zackig gehaltene Linien miteinander verwoben sind, werden zu einem kodierten Signalbild für den Neumarkt. An der Grenze zwischen Alt-und Neustadt entstanden, hat dieser Ort im Zentrum bis heute seine Form als eine Trennlinie bewahrt. Das Flechtwerk in den Absperrgittern steht für einen funktionalen Wandel und für neue Bilder: Aus der Absperrung wird ein Informationsträger. Am Ende der Tangency-Projektwoche wurden die Flechtwerke in einer Prozession vom Neumarkt bis zum Kunstraum „hase29“ getragen.

Diana Sirianni
Neumarkt. Ein Stadtportrait

Diana Sirianni (aus Rom, lebt in Berlin) hat Passanten und Anwohner dazu eingeladen, bei der Plakatierung einer Fotocollage auf der Fassade eines Abrisshauses am Neumarkt behilflich zu sein. Während die Fotocollage bereits nach kurzer Zeit wieder verschwand, hat die Künstlerin den mehrtägigen Arbeitsprozess in einem Videocollagenartig neugeordnet und dabei räumliche und zeitliche Ebenen miteinander verknüpft.

Der Arbeitsprozess am Neumarkt:

Fotografien von ausgewählten Bereichen einer Fassade hat die Künstlerin durch digitale Manipulationen verfremdet und als Fototapete drucken lassen. Die großformatigen Abzüge hat Diana Sirianni an zwei Tagen während der Tangency-Woche am Rolltor des grünen Kachelhauses am Neumarkt aufgetragen. Dabei sorgten die fotografischen Motive für eine optische Verdoppelung mit irritierendem Effekt. Gleichzeitig wurde das Auge durch kleine perspektivische Verschiebungen beansprucht, die zu genauem Hinsehen motivierten. Diana Sirianni schuf eine räumliche Fotocollage, die wie eine Bühne wirkte, auf der sie sich zusammen mit Passanten bewegte. An zwei Tagen kam Diana Sirianni mit zahlreichen Passanten ins Gespräch und lud sie ein, Teil ihrer künstlerischen Intervention zu werden, die hier als Video zu sehen ist.

 

Elisabeth Windisch
o.T., Wandbild

Elisabeth Windisch

o.T. Wandbild

Der Neumarkt ist visuell geprägt von asphaltierter Fläche, Absperrungen und permanent gewordenen temporären Leitsystemen. In dem durch Baustellen chaotisch anmutenden Stadtzentrum hat die Künstlerin über mehrere Tage mit Sicherheitsbaken eine Wand von ca. 3 m Höhe 9 m Länge gebaut. Die Ordnung und Farbigkeit der Elemente wirkte einerseits wie eine irritierende Barriere zwischen Fußgängerbereich und Verkehrsfläche andererseits erregte ein ungewöhnliches Muster die Aufmerksamkeit der Vorbeigehenden.

Das fotografische Motiv der gestalteten Wand aus Baustellenelementen hat die Künstlerin zu einer Ansichtskarte verarbeitet, die sie in zahlreichen Geschäften unter die Auslagen gemogelt hat. In der Ausstellung ist die Postkarte der Künstlerin in einer Reihe ausgewählter Osnabrücker Grußkarten zu sehen.

 

 Mit freundlicher Unterstützung