Interview with Paul Feichter and Dirk Manzke

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TangencyPaulFeichter

 

Ein Gespräch zwischen den Bildhauer Paul Feichter und den Ideengeber Dirk Manzke

 

 

Paul, die Region Deiner Herkunft im Südtirol ist eine völlig andere Welt. Du bist in der unmittelbaren Präsenz der großräumigen und oft erhaben anmutenden Alpenlandschaft aufgewachsen und Bildhauer geworden. Heute feierst Du mit künstlerischen Arbeitsweisen die Bergnatur. Was aber zieht Dich trotzdem an, sich mit Städten und urbanen Plätzen auseinanderzusetzen?

 

Tatsächlich ist die Bergnatur ein relevanter Zugang zu meiner künstlerischen Arbeit. Aber ich erweitere mein Themenspektrum gern. Auf diese Weise komme ich in die urbanen städtischen Räume und erweitere meine Fragen. Zudem möchte ich Menschen treffen, suche Gespräche und Anregungen. Ein verändertes, städtisches Umfeld bietet dafür immer auch Möglichkeiten, Anderes und Veränderndes für die eigene Arbeit kennenzulernen. Als Bildhauer ist es für mich weiterhin wichtig, konkrete Orte wahrzunehmen. Der Ort, für den und an dem ich arbeite, ist sehr wichtig. Hier suche ich immer wieder nach inhaltlichen Bezügen und Zusammenhängen, die sich letztlich in Form und Materialität realisieren. Sich auf den Ort einzulassen, heißt dann auch, unmittelbar am Ort zu wirken. Ich denke, bei städtischen Räumen ist das auf Grund ihrer Komplexität besonders wichtig.

 

 

In Bruneck konntest Du 2006 sehr unmittelbar an einer städtischen Platzgestaltung mitwirken. Wie nimmst Du vor dem Hintergrund dieser Erfahrung den innerstädtischen Rosenplatz hier in Osnabrück wahr?

 

Ich habe in Bruneck gelernt, dass es für Planer nicht einfach ist, der Komplexität einer Platzgestaltung gerecht zu werden. Immer wieder stellen sich neue Fragen ein. Hier am Rosenplatz beobachte ich jetzt die Potenziale der verwendeten und damit vorhandenen Materialien. Hier sind viele Entscheidungen getroffen worden. Was trägt die Geschichte des Ortes? Welches Material steht mir zu Verfügung? Welche Leuchten setzte ich ein? Ich versuche, mich in die Lösung der Fragen durch die Planer hineinzuversetzen. So kann ich verstehen, wie verschiedene Fragen baulich gelöst worden sind. Ich denke, es ist in bestimmter Weise immer schwierig und man hat viele Möglichkeiten einer Annäherung.

 

 

Tangency sucht Stadtberührungen sichtbar werden zu lassen und möchte keinen gängigen Kunstbetrieb, sondern die Begegnung mit Kunst im Stadtquartier auslösen. Für den Rosenplatz hast Du zur Veranschaulichung Deiner künstlerischen Fragestellung einen eher spielerischen Umgang gewählt. Könntest Du Deinen Gedanken und Absichten beschreiben?

 

Anfänglich habe ich mich in Osnabrück gefragt, wie ein Kind einen solchen Platz erleben wird. Ich bin vom Kind ausgegangen. Ich habe mir einen bewegten Ball auf dem Platz vorgestellt. Als Kind war der Ball ja für mich immer viel größer. So wurde mir klar, daß ich den Maßstab verschieben müßte auf meine eigene körperliche Gegenwart. Irgendwann reichte mir der Ball ja bis zur Kniescheibe und trotzdem habe ich damit gespielt. Diesen Gedanken vom Ball habe ich dann in eine Holzkugel übersetzt. Die Kugel rollt über den Rosenplatz. Sie ist schwer und sie ist hörbar. Die Kugel erzeugt aber bezogen auf die Größe und Geschlossenheit des Platzes auch eine wahrnehmbare Leichtigkeit im Umgang mit dem Ort. Ich rolle die Kugel und versuche, sie zu lenken. Dafür muss ich eine andere Körperhaltung einnehmen und mich ganz anders auf dem Platz bewegen und verhalten. Mir erschien das als eine Möglichkeit, den menschlichen Leib in die Auseinandersetzung einzubeziehen. Der Ball ist während des Rollens nicht genau kontrollierbar. Schließlich verhält sich der Ball auch eigenständig und kann nicht ganz genau kontrolliert werden. So wird es für mich und viele Menschen, die sich auf die Kugel einlassen, interessant werden, wie man in einen neuen Stadtraum hineingeht. Es wird eine veränderte Wahrnehmung geben.

 

 

Was erhoffst Du Dir von dieser Arbeitsmethode: In eine Holzkugel aus einheimischen regionalen Gehölz hast Du eine global motivierende Kamera eingebaut? Beabsichtigst Du, sich mit der über den Platz rollenden Holzkugel als Transfermedium leichter und unverstellter an den Rosenplatz heranwagen zu können?

 

Die Holzkugel verstehe ich als ein Medium. Ich versuche damit, eine andere Sicht auf den Rosenplatz zu entwickeln, einen anderen Blick aufzubauen, um alles anders wahrnehmen zu können.  Es ist meine Absicht, mitten in die Kugel eine Videokamera einzubauen. Während ich die Kugel über den Platz rolle, wird die Kamera laufen. So entstehen ungewollte und verschwommene Bilder. Zudem sind Standbilder möglich, wobei alles verdreht sein könnte. Neue Fragen und Sichten werden sich auftun. Wo bin ich gerade? Wo ist oben, wo ist unten? Ab wann treibt die Geschwindigkeit alles Wahrnehmbare in Unschärfe? In diese Arbeitsweise werden also auch Schnelligkeit, Geschwindigkeit und Bewegung hineinspielen. Es wird im Film und auch in der Bewegung der Kugel Momente geben, wo man etwas nicht mehr wahrnimmt, wo es verschwimmt, wo es womöglich nicht mehr kontrollierbar erscheint. Es dürften dann besonders verwischte Bilder entstehen, bei denen man nichts mehr genau sehen kann. Ich hoffe hier auf einen Filmwisch, wo eine ungesteuerte Bildwelt am Betrachter vorbeifließt. Es gibt dann kaum noch eine Bildschärfe. Und wenn dann die Kugel wieder still steht, dann steht auch das Bild still. Meine Vorstellung jedenfalls erwartet solche Bilder.

All das hat auch mit dieser Zeit zu tun, mit unserer Schnelligkeit, in der man die Dinge, die einen umgeben, kaum noch bereit ist, zu betrachten und wahrzunehmen. Deshalb sollte es auch gelingen, die Person, die die Kugel gerade bewegt, mit ins Bild zu nehmen, damit man sich auch selbst von außen sehen kann und einen Bezug zum eigenen Tun feststellt.

 

 

Die Holzkugel wird über den Rosenplatz gerollt und berührt unentwegt die Platzfläche. Holz und Ortbeton treffen aufeinander. Ein Materialkontrast wird sichtbar, hörbar, ja unbedingt haptisch erfahrbar. Was möchtest Du bei dieser Berührung erfahren? Was erhoffst Du Dir? Es gibt ja keinen direkten Berührungskontakt zwischen dem Körper und der Stadt.

 

Die Stadtberührung suche ich hier in Form eines Kugellagers zu verstehen. Ein Kugellager braucht einen Antrieb, einen Schub. Die Kugel wird von uns Menschen angetrieben, angeschoben. Von uns erhält sie ihren Impuls. Das Kugellager ist wie ein Lager zwischen Mensch und Erde. Die Kugel ist dabei perfekt. Sie übersetzt den ausgelösten Impuls in Bewegung und schließlich in ein verändertes Platzerleben. So wird die Kugel ein Medium, mit der das Maschinenhafte unserer Zeit angedeutet wird. Je schneller das Kugellager in Bewegung gebracht wird, desto schneller bewegt es sich auch. Und je schneller man die Holzkugel über den Platz schiebt, desto schneller bewegt auch sie sich. Dabei aber muß man immer wieder darauf achten, wo sie sich räumlich hinbewegt. Das hat viel mit unserer Zeit zu tun. Auch wir müssen achtsam beobachten, wohin sich unsere Impulse entwickeln.

 

 

Auf dem Rosenplatz wurden jetzt im Herbst leuchtende Bäume gepflanzt. Diese werden von pfahlstarken Balkengerüsten geschützt. War auch das Holz auf dem Platz ein Impuls für Dich? Wolltest Du darauf reagieren?

 

Holz ist ein weiches und wunderbar vielfältig verwendbares Material mit einer langen Verwendungsgeschichte durch uns Menschen. Am Rosenplatz wurden massive Holzbalken zur Unterstützung der jungen Bäume eingebaut. Dazwischen ist nun ein interessanter Kontrast entstanden zwischen den gebauten Formen der Holzbalken und den bewegten Formen der Bäume. Die Menschen sehen die lebendigen Bäume auf der großen Platzfläche, von denen eine bestimmte Wärme ausgeht. Bezogen auf die Balken wird klar, wie sich der Platz noch entwickeln und verändern wird. Irgendwann werden die Balken nicht mehr gebraucht. Dann ist das Leben in Form der Bäume auf dem Platz angekommen. So sind die Zeit, Licht und Schatten, aber auch das ganze Jahr einbezogen.

 

 

Holz ist ein künstlerischer Assoziationsträger für Landschaft. Beabsichtigst Du eine Parodie an die weichen Materialien der Landschaft, wie sie auf städtischen Plätzen mitunter aus verschiedenen Gründen fehlen mögen oder möchtest Du die städtische Härte des Rosenplatzes noch einmal deutlicher herausstellen?

 

Ja, ich nehme Bezug auf das weiche Holz. Da gibt es wirklich einen Bezug. Auf dem Platz gibt es eine ganze Menge Holz. Das weiche Holz bedeutet für mich Veränderung, Zerbrechlichkeit, aber eben auch Standfestigkeit. Wie lange hält etwas? Wie vollzieht sich Vergänglichkeit? Was kann ich der nüchternen Architektur entgegensetzen? Das alles hat auch mit uns Menschen zu tun, mit unserem Jungsein und unserem Altern, aber auch mit unserer Hoffnung auf ein existenzielles Fortbestehen.

 

Vielen Dank für dieses Gespräch.