Interview with Johannes Langkamp und Dirk Manzke

Osnabrück, 22.Oktober 2012

Johannes, du arbeitest mit künstlerischer Intention im Bereich der Neuen Medien. Deine bevorzugten Werkzeuge sind Laptop, Videokamera, smart Phone und – dein Notizheft. Liegt das einfach daran, weil deine Generation mit dieser Technik groß geworden ist?

Bis ich 16 oder 17 war, ging alles noch eher ohne Neue Medien bei mir. Dann aber wollte ich was damit machen. Das fiel mir am Anfang schwer. Und heute geht es mir darum, eine schnelle Arbeitsweise auszuarbeiten. Und zwar richtig schnell. Ich möchte täglich kleine Videos machen, doch es fehlt die Zeit, um noch mehr zu machen. Es geht ja so unendlich viel. Die Vorbereitungsphase ist beim Filme machen oft viel zu lang. Es müßte spontaner gehen. Die Produktionsphase erscheint mir dann lebendiger, echter. Da entsteht was. Aber jedes Mal, wenn ich etwas verwerfe, falle ich wieder in Teile der Vorbereitungsphase rein. Ich möchte viel direkter produzieren. Die Produktion müßte skizzenhaft werden, um dann sehen zu können, wie ich das entstandene Material weiter nutze. Es ist eine richtige Herausforderung, wenn man die Neuen Medien kontrollieren will. In vielen technischen Barrieren gehen die Ideen oft unter. Ideen im Kopf zu haben und dann technisch zu kommunizieren, führt dazu, dass viele Missverständnisse entstehen. Klar, man kann sich die Bilder irgendwie vorstellen, aber sie können bei der Umsetzung auch schnell wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Mir geht es um einen Direktzugang zur Umsetzung von Ideen. Allerdings müssen Abdrücke von Ideen schon da sein, damit man diese weiter entwickeln kann. Deshalb auch mein Skizzenheft. Ich denke, ich suche nach Videoskizzen, die zugleich Fragmente sind.

Und ist daraus deine Form von technischer und medialer Spielfreudigkeit entstanden, die ich meine, bei dir zu beobachten?

Ja, definitiv. Das Spiel ist total essentiell. Ich brauche den spielerischen Umgang mit meinen Ideen. Dadurch kann ich mich frei entwickeln. Das Spielerische müßte mehr im täglichen Leben präsent sein. Es ist das, was wir eigentlich in uns ragen. Der Ansatz von Tangency ist für mich vor allem das offene Spiel. Deshalb habe ich hier gern mitgemacht.

Was genau spielst du da durch? Beschäftigt dich der uns umgebende Raum, die Raumperspektive, Wirkungen von Nähe und Ferne? Und bist du damit an der Materialität der Stadt dran?

Raum und Bewegung sind zwei Elemente, die mich faszinieren. Das Spiel mit Raum und Perspektive ist für mich immer eine Auseinandersetzung mit Materialität. Die Kamera bewegt sich. Der Raum steht still. Es muß also da drin etwas Konkretes passieren. Eine weitere Bewegung. Eine hineininszenierte Bewegung. Wie das zusammenkommt, in welchen Facetten, dem gehe ich nach. 

Die Neuen Medien sichern eine bestimmte Distanz zum Objekt. Zum Platz etwa. Ich verstehe sie als ein Zwischenmedium zwischen dir als Leib, der sich hinter der Kamera verbirgt und dem vorhandenen stofflichen Ort. So wird zwischen dir und dem Objekt die Unmittelbarkeit in Frage gestellt und ein technischer Filter zwischengeschaltet. Was bedeutet das für deine Ergebnisse und die daraus entstehenden künstlerischen Fragen?

Also ich male auch, aber das ist nur für mich. Ich will das nicht nach außen tragen. Es ist aber für meine eigenen Erfahrungen, also die Materialerfahrungen wichtig. So habe ich meine Auseinandersetzung mit Oberflächen. Aus diesem Kontakt, daraus kann sich etwas ergeben. Schließlich entsteht da viel Reibung. Aus diesem Prozess fallen Stücke ab, die übrig bleiben. Ich will eigentlich so viel Reibung wie möglich, auch beim skizzenhaften Arbeiten mit der Videokamera. Dann mache ich auch so viele Funde wie möglich. Mit dem Filter, das finde ich interessant an deiner Frage. Darüber muß ich aber noch nachdenken.

Was erscheint Dir das künstlerisch Zeitgemäße und damit Besondere zu sein im Umgang mit den Neuen Medien? Lassen sich mit diesen Arbeitsweisen tatsächlich andere Sichtweisen entwickeln? Oder kann es passieren, dass man diesen Techniken nachläuft, weil der Markt sie einem aufsetzt?

Alles hängt irgendwie zusammen. Die Neuen Medien sind ein Kind dieser Zeit. Ich suche den direkten Umgang mit den Neuen Medien. Diese Sachen sind unumkehrbar. Das alles ist aber auch eine haptische Hinterfragung von Raum und Bewegung. Man erfährt da auch eine Menge. Wie nennt man das? Visuelle Realität? Die Medien haben aber auch eine eigene Realität. Und klar, mit dem Markt hat das auch zu tun.

Wenn wir die Neuen Medien als Filter verstehen, um Dinge verändert betrachten und wahrnehmen zu können, dann würde ich gern fragen wollen, wie du die Intention dieses Projektes, sensible Formen der Stadtberührung zu erfinden und zusammenzuführen, verstehst. Wie berührst du diese Stadt und den Rosenplatz mit deiner Methode?

Wir waren mitten im Geschehen des Rosenplatzes. Eine ganze Woche sozusagen vor Ort. Zunächst bin ich nur rumgelaufen und habe geschaut. Beobachtet. Alles war anregend. Es passiert ja ganz viel auf diesem Platz und alles steht im Lärm des Verkehrs. Den ganzen Tag. Ich habe ein paar Filmaufnahmen gemacht und dabei passierte immer wieder etwas. Während dieser Arbeit entstand dann der Gedanke, die Perspektive selbst einzufangen. Das hat auch mit diesem Platz zu tun. Ich wollte in meiner Installation die Komplexität des Platzes aufnehmen. Irgendwann war der Ort dann als schmaler, bewegter Streifen im Schaufenster Teil meiner Arbeit. Die Installation und der Platz fanden spielerisch zusammen. Eigentlich war ich dann selbst überrascht. 

Nach neugierigen Beobachtungen und Erkundungen im öffentlichen Raum konntest du um den Rosenplatz eine Idee entwickeln, die du im privaten Raum umgesetzt hast, den wir dankenswerter Weise nutzen durften. Warum diese Transformation? Was installierst Du da am Rosenplatz?

Erst wollte ich mit einer Fläche im Raum des Platzes arbeiten. Draußen oder drin, das erschien mir nicht so wichtig. Die Hauptsache war der Kontakt zu einer Wand. Das war dann im Innenraum möglich. Und dass es Schaufenster gab, hat innen und außen dann sogar verbunden. Das wusste ich vorher noch gar nicht. Dann hatte ich eine Rolle gefunden, eine Kassenzettelrolle. Die fand ich irgendwie interessant. So entstand die Idee des Aufrollens, wie sie sich im Video zeigt. Umsetzen konnte ich diese dann mit Klebeband. Es gab eine Menge Geschehen bis dahin. Die Wand und das Glas, diese Ecke im Innenraum, diese Gegensätze. Und wie das Glas dann neblig wurde, als ich es überstrichen hatte. Das war interessant. Ich wusste noch nichts von der Wirkung, während ich sie entwickelte.

Du hast mit deiner Installation, so habe ich es verstanden, die Konstruktion einer Perspektive im Raum entstehen lassen, die du dann nach und nach in einem Video enthüllst. Spielt der Aufschlag der Projektionen auf die Wandoberflächen der Räume in deiner Arbeit eine Rolle? Sind dir Materialien in ihrer Haptik und Wirkung wichtig?

Oh ja, das ist sehr wichtig. Wirkungen. Das ist irgendwie unendlich. Du sagst Aufschlag? Ein gutes Wort für Projektionen. Das ist ja kaum bemerkbar. In dieser Installation war die Projektion später ja nicht mehr so wichtig. Ich war dann klar im Raum, während ich mit der Videokamera alle Aufnahmen als digitale Bildflächen herstellte. Sonst entsteht das Bild ja nur wegen des Auftreffens einer Projektion auf eine Wand. Und das alles, glaube ich, kann nur mit haptischen Vorgehensweisen entstehen. Ich muß die Wände anstreichen. Ich mußte das Klebeband einsetzen. Ich mußte im Raum Orientierung finden. So habe ich immer wieder irgendwelche Klebestreifen bewegt. Es ging gar nicht anders- Irgendwie arbeitet man immer mit bestimmten Materialien. Man macht es sich nur selten bewusst.

Wo du den Ort Rosenplatz in einem begrenzten Zeitfenster von einer Woche gerade spontan  kennengelernt und beobachtet hast, wie hast du diesen Platz bei doch bestem Wetter und einer herrlichen Herbststimmung erlebt?

Sehr positiv. Für mich sehr positiv. Es war hier völlig lebendig und die Leute waren gut drauf. Es sind zwar viele Autos drauf, aber es war irgendwie belebt. Eigentlich ist der Platz ja kaum bemerkbar. Aber es gibt doch noch Raum, um sich zu bewegen. Die Podeste sind dafür ein Angebot. Die jungen Leute nehmen das einfach an. Das ist interessant. Ach so, warum muß man hier eigentlich so lange als Fußgänger auf Grün warten?

Vermutlich gibt die Stadt dem Verkehr so viel Dominanz. Auch zeitlich. Aber du hast die Podeste angesprochen? Was meinst du, sind sie Anlass, sich körperlich mehr auf den Platz einzulassen, sich hinzufläzen, sich dort aufzuhalten, womöglich neue Formen des Umgangs mit Stadt auszuprobieren, die nicht durch traditionelle Bänke bestimmt werden?

Die Podeste sind doch die Bänke, oder? Schön. Echt. Man kann ja sogar im Schneidersitz drauf sitzen. Oder Picknicken. Man müßte überlegen, ob man den Platz zu bestimmten Zeiten ruhig stellt und den Leuten überlässt. Dann wär es nicht nur eine breite Straße. 

Johannes, ich danke dir für die Zeit zu diesem Gespräch.

Klar. Keine Ursache. Das gebe ich gern zurück. Überhaupt. Danke für Tangency. Die Philosophie darin ist gut. Und die Möglichkeit der offenen Arbeitsweise. Entwicklung ist der Hauptpunkt. Es gibt keine Begrenzung. Man kann erst einmal kommen und schauen. Das finde ich gut.