Kati Gausmann Interview

Das Interview, das Kati Gausmann Dirk Manzke (Kurator Tangency) gab, hat folgenden Wortlaut:

01.September 2015

Kati Gausmann zu ihrem Kunstprojekt “aha”

DM: TANGENCY 2015 ist angelaufen. Inhaltlich suchen wir die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum herauszustellen. Methodisch geht es uns dabei um Berührungen und Kontaktaufnahmen zwischen der Materialität der Stadt und den Lebensweisen der Menschen vor Ort. Die Idee, die Hasestraße und damit ein städtisches Umfeld sinnlich erfahrbar zu machen, wird von dir als einer der drei eingeladenen KünstlerInnen angegangen. Was hat dich bewogen, TANGENCY zu unterstützen?

KG: Die Arbeit mit dem, was da ist, erkenne ich als konstanten Teil meiner künstlerischen Arbeit. Parallel zu vielen anderen Arbeiten setze ich mich etwa seit einem Jahr mit der Hasestraße auseinander. Verschiedene Ideen und Zugänge sind entstanden und erprobt.

Mein Projekt aha versucht, beide Ansprüche, den der Materialität und den der an der Straße und auf der Straße agierenden Menschen aufzunehmen. Zunächst wollte ich an den Fassaden der Häuser in der Hasestraße arbeiten. Das wurde zu genehmigungsintensiv. Zudem agieren wir nur mit kleinem Budget. So ist meine Zeichnung schließlich auf dem Boden, konkret dem Bürgersteig, gelandet und hat  einen Bezug zum Fluss Hase, der ja die Hasestraße kreuzt, aufgenommen. Mich hat der Fluss in der Stadt begeistert. Er wird inzwischen zurückerobert und damit Teil der Stadt. Da ich gern mit offiziellem Kartenmaterial arbeite, habe ich den Plan des Verlaufs der Hase bei Ämtern angefragt und schließlich vom Niedersächsichen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz erhalten. Als nächsten Schritt habe ich den Verlauf des Flusses in Beziehung zur Hasestraße gesetzt, denn diese alte Handelsstraße hat ihren Namen vom Fluss. Die Beziehung findet sich nun in einer kartografisch umgesetzten und in die Straße eingerechneten blauen Linie wieder. Sie bildet den Flusslauf der Hase im Maßstab 1:471 ab. Währen ich die Linie auf den Bürgersteig übertrug ergaben sich unendlich viele Gespräche, die klärend und erläuternd, aufgeschlossen und neugierig, manchmal aber auch boshaft waren.

DM: Das ist auch Teil von TANGENCY. Die künstlerische Arbeit im öffentlichen Raum bringt immer wieder alle mentalen und sozialen Pole zusammen. Jeder hat entsprechend seiner eigenen Situation und den Gegebenheiten des künstlerischen Projektes seine Art und Weise, mit Veränderungen, Eingriffen oder Störungen umzugehen. Manchmal entladen sich die Leute. Manchmal lachen sie. Manchmal stimmen sie unmittelbar zu. Es bleibt unberechenbar. Wie gehst du damit um?

KG: Mein Zugang ist vermittelnd. Der öffentliche Raum ist Raum direkter Aufmerksamkeit. Da wir ihn mit allen Menschen teilen, kann ich hier auch viele Meinungen, ganz sicher ein ganzes Spektrum an Sichten einfangen. Das kann sehr anstrengend, aber eben auch aufregend sein. Ich lerne bei meiner Arbeit immer wieder neu, wie unterschiedlich sich Wahrnehmung zeigt. Während der Arbeit auf der Straße ergeben sich durch die Gespräche die Sätze, die letztlich bei vielen gut als Türöffner für die Arbeit funktionieren und sie nahebringen, verständlich machen.

DM: Neben dem kartografischen Verlauf der Hase und natürlich auch der Hasestraße verbunden ist das Element Wasser. Als konkretes Material ist es in der Hasestraße nicht präsent?

KG: Der Fluss kreuzt die Straße ja an ihrem nördlichen Ende. Wasser wirkte hier jedoch vor allem als eine Inspiration. Es steht ja für das Pulsierende, Lebendige. Wasser ist unmittelbar Lebensspender. Auch darauf kann meine Intervention aufmerksam machen. Indem ich die blaue Linie durch die Straße lege, belebe ich die Kommunikation auf ganz andere Weise. Wasser und Straße treffen sinnlich gedacht mit den Menschen zusammen. Die blaue Linie wird zur Metapher dieser Beziehung. Plötzlich reden die Leute miteinander über den Fluss und die Straße. Plötzlich entstehen auf der Durchlaufstraße Gespräche, die sonst nie stattgefunden hätten. Die Menschen machen eine neue, unerwartete Erfahrung.

Interessant ist, dass das Wasser im frühen Mittelalter, zur Stadtgründungszeit nicht nur Lebensspender, sondern auch Schutz für die Stadt war. Dieser Aspekt wird oft vergessen. Klar wurde mir das bei meinen historischen Recherchen und den Gesprächen mit Bodo Zehm von der Stadtarchäologie, der mich inhaltlich sehr unterstützt hat.

DM: Mit der kartografisch genauen Übersetzung und in Beziehungssetzung von Fluss und Straße nutzt du die offiziellen Institutionen des Landes. Damit kommt ein weiterer Aspekt in das Projekt?

KG: Ja, ich arbeite gern mit der offiziellen Seite, aber auch mit Vorlagen aus anderen, z.B. wissenschaftlichen Kontexten. So bekomme ich unschwer alle notwendigen Karten und Unterlagen. Diese fließen dann konkret in die Arbeit ein, finden sich hier wieder. Das Nichtästhetische nehme ich auch als Grundlage, um meine eigene ästhetische Setzung zu minimieren, und aus diesem Grund setze ich mir in meinen Projekten auch klare Arbeitsanordnungen, denen ich dann konsequent folge. Das Ästhetische ergibt sich daraus. Die Sinne werden geweckt, indem ich transformiere. Der offizielle Flussverlauf trifft auf den offiziellen Straßenverlauf. Aufeinander bezogen im Maßstab 1:471 ergibt sich ein vorher nicht erwarteter Bezug.

DM: Hasefluß und Hasestraße sind jetzt ineinander verschränkt, scheinen ineinander projiziert. Die Übersetzung deiner Entwurfsarbeit aus dem Atelier hast du mit einer unendlich lang erscheinenden Schablone machen können. Es war aufregend, das zu beobachten. Der Bewegungsablauf in der Straße war unterbrochen, verändert, teilweise gestört. Du musstest intensiv agieren, um das Aufbringen der Farbe und das notwendige Kommunizieren des Projektes mit den Passanten zusammenzubringen?

KG: Zunächst. Ich nehme den Namen der Hasestraße ja auf eine verspielte Art sehr ernst. Damit nutze ich ein Identifikationselement der Straße: Ihren Namen. Das der Verlauf der Hasestraße nun auch zurückwirkt auf die Hase, ist ein interessanter Aspekt. Beiderlei Stofflichkeit findet sinnlich zueinander. Immer wieder kommen die gegenseitigen Bezüge von Fluss und Straße in Gesprächen ins Spiel. Es sind verbundene, gemeinsame Vergangenheiten. Doch beide historischen Verläufe haben sich verändert. Hier ist Bewegung im Spiel. Ich mußte also eine Abstraktion entwickeln, um den allgemeinen Gedanken nachvollziehbar werden zu lassen. Dazu eignete sich erfreulicherweise die Schablone, die ich für die Übertragung der Linie im Originalmaßstab angefertigt hatte. Sie sicherte mir Unbeirrbarkeit in der Straße und Kontrolle in der Umsetzung. Maß, Maßstab und Maßstäblichkeit finden sich in der Schablone wieder. Sie ist ein Übersetzer-Hilfsmittel.Als es in der Straße auslag, war es Signal, Symptom, Hinweis zugleich.

DM: Noch einmal nachgefragt. Du arbeitest also zwischen Karte, Zeichnung, Schablone und bringst alles über genaue Maßstabsarbeit zusammen? Der sinnliche Bezug entsteht aber nicht aus kartografischer Arbeit, sondern als stofflich-grafischer Arbeit. Erst so entsteht ein sinnlich spürbarer Bezug?

KG: Den Verlauf des Flusses habe ich auf die Länge der Straße skaliert, davon eine Schablone gefertigt und mit deren Hilfe die Linie auf dem Bürgersteig gezeichnet. In der zeichnerischen Vorarbeit im Atelier habe ich in kleinem Maßstab auch so gearbeitet. Die Linie des Flussverlaufs habe ich auf Transparentpapier abgenommen, ausgeschnitten und in einen Straßenplan von der Hasestraße hineingefaltet, um zu erproben, wie die Linie in die Straße passt. Die Zeichnungen haben so auch Volumen bekommen. Die Papierschablone,mit der ich auf der Straße gearbeitet habe, hilft auch, Körperlichkeit in Relation zu setzen und den Maßstab sinnlich zu verstehen. Es geht also nicht um Kartierung. Die ist nur ein Mittel zum Zweck. Entscheidend ist die sinnlich- körperliche Beziehung, und in der Umsetzung auch meine eigenen räumlichen Reichweite.

Die Zeichnung ist in diesem Projekt zweierlei. Einmal geht es natürlich um Maßsetzung, um das Begreifen des Raumes, der Länge des Flusses und der Straße etwa. In der zeichnerischen Vorarbeit findet mein Nachdenken statt und finde ich meinen Zugang, in diesem Fall zu den von euch für TANGENCY entwickelten Themen. So ist die Zeichnung auch Medium für die Aneignung von Welt. Zum anderen ist da eine blaue Linie auf dem Asphalt. Diese Linie hat eine Form und eine Materialität. Mehr nicht. Auch ohne jede vorgegebene Narration erzählt diese Linie eine Geschichte, ist sie eine Spur in Zeit und Raum. Am Ende reicht mir das auch. Die Geschichte der Stadt, des Flusses und der Straße hat mich zur Linie geführt und nun, wo sie da ist, ist es für mich am spannendsten, was mit ihr konkret in diesem Umfeld passiert.

DM: Stichwort Kommunikation. Wir hatten es schon angesprochen. Der Übertragungsprozess in die Straße war ja wirklich aufregend. Und wenn Du heute nach zwei, drei Tagen durch die Straße gehst, bist du einfach Teil der Straße. Was andere in Jahren nicht schaffen, ist dir in kürzester Zeit gelungen: Man grüßt dich, kennt dich, redet, macht einen Witz über Kunst. TANGENCY will auch so agieren, so es möglich ist. Das Aufwecken der Leute, die Veränderung ihrer alltäglichen Gewohnheiten mit den Mitteln der Kunst, hier ist es befristete Wirklichkeit geworden.

KG: Es gibt im öffentlichen Raum für einige Menschen ein Zauberwort: Das Ordnungsamt. Darüber kann sich manche Aufregung oft selbst zerlegen, denn es ist bedeutet eine nicht unwichtige und klärende Autorität. Doch ich muß trotzdem auf die Leute zugehen. Ich muß unendlich mit den Leuten reden. Das kann sehr anstrengend sein, aber es geht. Man muß es nur wollen. Es gehört zu einer solchen prozesshaften Arbeit im öffentlichen Raum einfach dazu. Und da ich den TANGENCY-Flyer immer dabei hatte, konnte ich auch verbindlich werden, konnte den Leuten etwas mitgeben. Das ist mir wichtig und es funktioniert gut. Die Leute haben ja schließlich eine neue Erfahrung im Straßenraum gemacht und jetzt haben sie dafür auch noch etwas in der Hand, können es mitnehmen und anderen zeigen, davon erzählen. So kann die Erfahrung wirken.

DM: Ja. So veränderst Du die Wahrnehmung. Und irgendwie auch die Straße. Die künstlerische Arbeit schwingt plötzlich in alle Bereiche. Das alles ist nicht kalkulierbar und mit den Anfeindungen muß man dann auch umgehen können. Zusammengenommen ist das, was bei Dir passiert, eine Form künstlerischer Umsetzung der Intention von TANGENCY.

KG: Die Leute wollen wissen, was da geschieht. Man kann sie meist mit inhaltlichen Bezügen gewinnen. Wenigstens für einen Augenblick, denn schließlich hat jeder seinen eigenen Weg. Manchmal würde ich gerne einfach nur über die blaue Linie reden, über das, was da ist, über die sinnliche Erfahrung und nicht nur darüber was es bedeuten könnte. In einigen Gesprächen geht das. Die „blaue Linie auf dem Pflaster“, das sehen die Leute. Das ist völlig konkret nun Teil der Straße. Losgelöst von meinen künstlerischen Intentionen mäandert die Linie im Gespräch mit den Leuten. Sie haben verschiedene Bilder und bringen diese mit ein. Die blaue Linie assoziiert plötzlich Pulsschlag, Rhythmus, Bewegung. Choreografie. Das ist dann auch für mich bereichernd. Oder die blaue Linie animiert zu einem Witz: Wer hatte denn da ein Loch im Farbeimer? Das finde ich erfrischend.

DM: Wir haben über den Raum gesprochen. Dazu gehört aber auch die Zeitebene. Das Projekt ist ja konsequent befristet. TANGENCY steht zu seiner Vergänglichkeit. Es ist ein Projekt, das zeitlich vergeht und sich dazu bekennt. Es will dicht am Leben dran sein, indem es Patina und Vergänglichkeit in einer zunehmend steriler werdenden Welt glatter Oberflächen herausstellt. Zeit ist aber auch als Lebensweise befristete Zeit geworden und doch zugleich unendlich. Wo siehst Du hier Zusammenhänge zu der künstlerischen Arbeit?

KG: Der Bezug sollte sich aus der Linie erklären. Wie ist die Linie entstanden? Sie ist ja menschengemacht. Und der Fluss in seinem heutigen Verlauf ist auch menschengemacht. Schließlich ist der längst vom Menschen begradigt, umgelegt, teilweise noch immer einbetoniert. Er wurde mehr und mehr der Landwirtschaft und den Interessen in der Stadt untergeordnet. In den letzten Jahren sucht man ihn ja wieder zu befreien, aber es ist ein langer Prozess. Ich finde, dass dieses Projekt nun auch Teil der Hase-Befreiung ist. Das fließende Wasser darin hat sich trotz der Bedrängungen durch uns Menschen sein Eigenleben erhalten können oder wiederfinden können. So assoziiert die Linie Zeitgeschichte. Gleichzeitig ist da die Zeit, die es braucht, die Linie zu erlaufen, wahrzunehmen, ihrer konkreten Geschichte zu folgen: als Materialität auf dem Bürgersteig. Und nun kommt die Zeit hinzu, die die Linie da sein wird. Wann löst sie sich auf? Einiges haben die starken Regenfälle ja schon weggespült. Man kann der Linie beim Vergehen zusehen. Das gefällt mir sehr, ich mag Auflösungsprozesse,  die immer zugleich Entstehungsprozesse sind. Formenveränderungen in der Zeit sind grundsätzlich ein sehr wichtiges Thema meiner Arbeit.

DM: Das weckt die Frage nach einem neuen Verhältnis von Renaturierung und Urbanisation. Ich plädiere für Strategien einer weichen Stadt. Dabei geht es um machbare pragmatische Stadtentwicklungsstrategien, die eindeutig gegen die fortgesetzte Ausgrenzung von Natur argumentieren. Wir Menschen sollten unser Leben weicher einbetten in die Gegebenheiten der Natur. Stadt könnte dafür ein wunderbares Umfeld sein. Wird im Impuls TANGENCY plötzlich durch die blaue Linie neues Denken verstärkt? Findet hier über die Straße und die Kommunikation das Argument zum Menschen? Schließlich tritt die Hase ja langsam wieder aus ihrer Versiegelung und Ausgrenzung zurück in die noch immer allzu versiegelte Stadt.

KG: Ich würde sagen, mit der Linie wird auch die Mikrowelt um die blaue Linie herumbewusst. Man schaut auf dem Fußboden und sieht die Linie. Doch plötzlich erweitert sich der Blick. Man sieht das Pflaster. Aber man sieht auch Gräser, ein paar Blumen. Ameisen. Papier. Zigarettenkippen. Scherben. Man schaut vor die Füße. Hier liegt Wirklichkeit. Unser Alltag. Unsere Hinterlassungen. Auch so entfaltet die Linie ein Eigenleben. Das ist Bewegung, in der Wahrnehmung, im Denken.

DM: Und es ist mit künstlerischen Mitteln in die Straße hineingetragene Aufmerksamkeit für anstehende Veränderungen in der Stadt und in der Gesellschaft. Für manchen sind wir womöglich wieder einen Schritt weiter gekommen, um herauszukommen aus den Verhärtungen der Gegenwart in eine weichere, sensiblere Zukunft. TANGENCY wird mit dir plötzlich zu einer Aufmerksamkeitsstrategie, die die Mittel der Kunst in seiner Autonomie respektiert und doch unmittelbar ins Leben eingreift.

DM Kati, ich danke Dir für das anregende Gespräch.